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Seit ich fort bin
Roman

"Anis, erinnerst du dich noch an den Kosmonauten unserer Kindheit? An Juri Gagarin? An Juri Alexejewitsch Gagarin? An den großen unbekannten Juri Gagarin. Den Helden des Kosmos. Der als Erster in der Rakete die Erde umkreiste.
Anis denkst du, dass unsere Zeit in diesem Land mehr ist als ein Etikett? Als die Attitüde des Ostelns? Ist das mehr, als Pittiplatsch zu vermissen? Reiht man sich damit schon ein in das Es war ja nicht alles schlecht?
Weißt du noch, die Ästhetik der Kinderliteratur, die wir lasen? Weltall, Erde, Mensch.
Und erinnerst du dich noch an Ellis Totoschka, an das Hündchen, das sie überallhin begleitete, und an den Zauberer der Smaragdenstadt, der uns alle betrog, nur weil er Angst hatte, erkannt zu werden?"

Seit ich fort bin im Kulturjournal auf NDR 1 Radio MV vom 15.02.2017:


Dank an Frau Anke Jahns!

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Dies kn ist Mnsch keine st Reise llgl
Erzählung

Ihr aber müsst uns für Schafe halten. Herden von immer gleichem Material, treibt ihr uns zurück in den Stall, von dem ihr glaubt, aus dem wir gekommen sind. Oder treibt uns weiter über Grenzen. Hinaus aus eurem Land, als würden wir nachts eure Hühner reißen.

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Viceversa Literatur, das dreisprachige Literaturjahrbuch der Schweiz, erscheint in drei verschiedenen Ausgaben (Französisch, Deutsch, Italienisch):

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RUND UM DIE UHR
laufe ich, gleich bin ich da.

für Nette
Erzählung

Sah sie nicht mehr. Nicht mehr ihr Kleid. Ihr Kleid, das nun aus Blättern. Sah nicht mehr ihr Kleid aus Blättern, später darunter ihr Knochengerüst. Sah nicht sie. Kein Licht mehr im Schädel hinter den Augen. Sah sie nicht mehr. War sie fort.

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MEIN HUNGER, DEIN HIMMEL.
Erzählung

Ich war in ein Bäumchen gezogen. Hinein in eine kleine Bude, die der Buntspecht – eben noch: Im Frühling, im Frühling! – geklopft hatte. Ich weiß noch, ein Wort wollte ich in den Schnee pinkeln, ein Wort von Friede und Freud. Ich wollte so vieles sagen und mich bedanken für den Frieden in Europa und für das kleine Steak zertifizierten Fischs. Ich stand im Türrahmen im Stamm des Bäumchens und war unentschlossen, geh ich hinein oder flieg ich hinaus. Ich schaute hinaus und schauderte: das Winterweiß überall. Der Schnee saß auf meiner Stufe, Eiszapfen tauten mir auf die Fußspitzen, und in den fallenden Tropfen des schmelzenden Eises glitzerte das Licht fein.

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IM SCHATTEN DES KATZENSTISCHS
In Erinnerung an Róbert Csorba & seinen Sohn Robika, Tatárszentgyörgyi 2009.
Erzählung

Ich stand am Wegesrand in der Nähe von unserem neuen Häuschen, nicht weit vom Dorf entfernt und sah in die Krone der Kastanie, in die der Wind blies, um mich herum der Weizen, über den er strich und am Ende des Feldes die Zitterpappeln, die ihn brachen.
Unsere seltsamen Vögel hängten sich in den Wind, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Wie in einer Gegenfluganlage standen sie hoch über meinem Kopf und hielten Ausschau in die Ferne. Die vier farbigen Vasen, die in den Fenstern unseres alten Hauses die Haupthimmelsrichtungen markierten, hatten wir retten können. Sie standen nun aufgereiht auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer der neuen Hütte und erinnerten uns an das Leben, das wir gehabt hatten.

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immeer
Roman

Nur Jans Schopf und seinen Nacken sehe ich, als ich die Straße hinter dem Parklatz überquere und den Strandaufgang über die Dünen hinauflaufe, als ich an meine linke Ferse greife und einen Schuh abstreife und im Hüpfen den anderen. Während ich die Bänder zusammenknote und das Paar über meine Tasche hänge, bin ich von Jan nur noch einen Steinwurf entfernt, und da dreht er sich zu mir um und hebt schweigend eine Hand.



aus: Marque-Page(mit Jazmin Vazquez), Radio RaBe vom Dezember 2013
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ein Stück ins Französische von Camille Luscher im Le Courrier     ››› ›››
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© Samuel Gfeller

Natascha Moschini, Anja Winterhalter, Samuel Gfeller & Henriette Vásárhelyi
STAMMHEIM-SCHLEIFE
Live-Hörspiel-Ausflug

Stammheim Schleife ist ein Live-Hörspiel-Ausflug nach Stuttgart Stammheim, in dem Natascha Moschini ihre Beziehung zu und ihre Kindheitserinnerungen an Stammheim zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Grenzerkundung macht.

In Zusammenarbeit mit dem Klangkünstler Samuel Gfeller, der Schriftstellerin Henriette Vásárhelyi, der Dramaturgin Anja Winterhalter und den Mitteln des Tanzes, der Musik und der Sprache werden Orte mit einer Zutrittsbeschränkung, die sich Rund um die frühere Endhaltestelle Stammheim Schleife verdichten, thematisiert.

Die Aufführungen fanden im Frühjahr 2013 statt. Ein großer Teil der Texte sind den Heften des Stilwörterbuchs (VEB Bibliographisches Institut Leipzig; 1964) entnommen und bearbeitet worden.
Dokumentation finden Sie HIER (Natascha Moschini) oder HIER (Samuel Gfeller).



Frederik Burghardt & Henriette Vásárhelyi
WÄHREND DU GEHST
Hörspiel

Ich bin Bo. 27 und ehemaliger Leistungssportler im Turmspringen. Seit über zehn Jahren bin ich Mitglied des Berliner Nachtlebens. Ich kenne keine Zurückhaltung, wechsle im Rhythmus von zwei Jahren meinen Hauptwohnsitz, aber nicht meine Stadt. Nach acht Jahren Friedrichshain zieht es mich diesmal in das noch zu entdeckende Weißensee. Mein Dorf, wie ich es nenne, wo man noch richtig chillen kann, wie ich meine.

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SICH EIN ZUHAUSE SUCHEN
Der Bräunigersche Mythos 54° 9´ N, 12° 23´ O

Das, was wir hatten, war immer mehr als Luft und Liebe, mehr Raum, als wir benötigten, mehr Satt, als wir vertrugen, mehr Schlaf, als wir träumten. Das, was wir hatten, bestäubte rote Plastebecher mit weißen Punkten, stand blätterdicht vor Terrassen mit Seilen zum Festhalten, zum Hochziehen, zum Schweinebaumeln. Das, was wir hatten, lag in der Luft, wenn wir Abende saßen auf Eiche rustikal, durchgesessen von fremden Verwandten, wenn wir Brote in Münder stopften – in Viertel geschnitten, aus Bechern nippten, in Röhren glotzten. Das, was wir hatten, klauten wir den Alten und trugen es hinaus in Wälder, auf Meere.

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DIESES ZUR SPRACHE GEHÖRENDE WORT
Erzählung

Vater hat für mich Nachrichten hinterlassen. Über meine Mutter Nachfragenachrichten an mich gerichtet. Umwege, auf denen er mich anspricht. Schließlich hat seine Frau angerufen. Du musst herkommen. Du bist seine Älteste. Du bist doch erwachsen. Du kannst doch helfen, musst doch helfen. Das eine hat sie gesagt, das andere, habe ich verstanden, das hat sie gemeint.

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GADJO
Erzählung

In U haben wir den Vater gesucht. Wir haben an seiner Tür geklopft und geklingelt. Das Haus steht gereiht zwischen fünf anderen. Da war ich längst die neue Frau vom alten Sohn. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände sind dünn. Niemand hat aber den Vater gehört. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände wurden gemeinsam errichtet. Niemand hat aber den Vater gesehen. Die Häuser sind bewohnt. Der Nachbar rief uns in D an. Der Vater wurde lange nicht gesehen. Doch als wir dort klingelten, wollte keiner mehr etwas sagen.

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GARTEN EBEN
Hörspiel (unaufgeführt)

Erinnern wir uns.
Eben müssen wir beginnen. Eben war doch gerade erst.
Eben war doch gerade noch alles gut.
Ich weiß noch alles. Ganz genau.

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*
Notiz

Das waren noch Wege. Holpriges Pflaster, gesperrte Wälder. Unsere asozialen Nachbarn, die wir liebten, die Massen an Süßigkeiten hatten und alle hießen Haribo. Wenn wir losliefen, weil die Feuerglocke geläutet wurde. Wenn einer sagte, ja weißt du denn nicht. Wenn wir in der kleinen Kammer schliefen. Als dein Bruder noch mit der Wäscheleine die Pferde einfing. Ohne Sattel ritt.






Text-Zeichungscollage mit der Künstlerin Wiebke Jacobs zum Thema Rand





(Ausstellung: Prolog 2 Analog vom 30.5.-13.6.2008 Marienburgerstraße Berlin)
Zur Installation der Künstlerin Wiebke Jacobs ZELLE
und als ich Stunden später aufstand, war da mein anderes Leben
entstand der folgende Text, der auf ein Bettuch gestickt wurde:

In der Krone des Kirschbaums zur Blüte wird am Kai noch Ladung gelöscht, als ein fast fliegender Zug das Licht der Laterne umkreist. Am Eingang zum Meer lacht ein Pferd, lacht ein Hund und der Schütze duckt sich, duckt sich und ballert in eine ganz andere Richtung. Mitten im Ort an bunten Röcken vereinzelter Frauen, die die Zeit vor dem Haus, vor dem Tor stehen, mit verschränkten Armen stehend warten, haften Erinnerungen. Dinge, die ich nicht mehr weiß, Dinge, die erst noch kommen wollen, Dinge, die unmöglich sein können.





AN DER BEOBACHTUNG TEILGENOMMEN
Miniaturen

Aus diesen Miniaturen spricht die realexistierende Familie Mustermann. Die Idee war in kurzen Stücken, in der Aufmachung einer Akte des MfS, die möglichen Biografien der Mitglieder einer Familie Mustermann anzudeuten, deshalb klaffte auch bis vor Kurzem im Sinne der Vernebelung ein schwarzer Balken über dem Familiennamen. Optisch unterteilt waren die Miniaturen in die Bezirke der DDR nach Kraftfahrzeugzeichen, inhaltlich chronologisch mit dem Voranschreiten der Geschichte der DDR und in einer Aufmachung ähnlich, wie in einer schreibmaschinengeschriebenen Akte, diese Aufmachung brauchte der Text mit der Zeit nicht mehr. Die Kfz-Zeichen machen den letzten Abschnitt vielleicht deutlicher, weil sie auf das Landschaftssystem – die Einteilung in Bezirke nach Buchstaben anspielen – aber ihr sonstiger Wert für den Text wurde mir zu schwammig. Die Miniaturen sind ein Versuch, mittels Auslassungen, Kernsituationen herauszustellen, welche individuelle Biografien sichtbar machen: widersprüchliche Biografien. Gegenüber den 2 Konstellationen von Biografie: angepasst oder oppositionell, die bekannt sind.

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SPITZENDIGE ZWEIGE
Erzählung

Die Straße zum Bahnhof sind meine Schwester und ich immer nur so entlang geschlichen. Wir deckten nie Geheimnisse auf, sahen sie nur an, so genau wie möglich, wir hatten Adleraugen. Wir trotteten wenige Häuser bis zur Kreuzung und bogen dann in die Straße ein, die zum Bahnhof führte. Ebenso wenige Häuser später auf der linken Seite war ein kleiner Platz, den wir Kinder aus dem Viertel nur Dreieck nannten und wir sagten: "Kommst du heute zum Dreieck? Um drei?" Zwischen drei Straßen standen zwei Linden und darunter zwei Bänke, graugrün verwittert.

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JETZT NICHT MEHR
Erzählung

Ich war so lange nicht mehr bei ihr. Bestimmt ein Jahr, vielleicht waren es längst zwei. Ich dachte, dass ich ihr Blumen bringen müsste. Jemand, dachte ich, müsste doch hinfahren und ihr Blumen bringen.

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