immeer
Laudatio zur Verleihung des Studer/Ganz-Preis
von Ulrike Ulrich

Liebe Anwesende, liebe Gastgeberinnen vom Literaturhaus Zürich, liebe Mitglieder der Studer/Ganz-Stiftung und der Jury, liebe Vertreterinnen des AdS, liebes Publikum und vor allem liebe Henriette Vásárhelyi, denn vor allem für Sie ist der folgende Text:

Einen Roman auszeichnen. Nein. Ein Manuskript auszeichnen. Und damit entscheiden, dass es veröffentlicht wird. Dass daraus ein Romandebüt wird. Ein Buch. Das gelesen werden kann. Auf dem Bahnhof von Aarau, in einer Hütte in Vals. Im Stadtpark in Graz oder am Wörthersee. In Berlin Mitte oder am Deutschen Eck. Ein Buch, das übersetzt werden kann. Und von noch viel mehr Menschen gelesen, das den Weg in die Köpfe und Herzen von Menschen finden kann, überall auf der Welt, Menschen, die Bücher ausleihen, Bücher kaufen, weiter verschenken, Bücher zerlesen, in Büchern Notizen machen, Blumen darin pressen.
Ja, genau, in die Köpfe und Herzen, Sie haben richtig gehört, das hab ich eben gesagt, auch wenn es altmodisch klingt und ein bisschen pathetisch. Als ich zugesagt hatte, der diesjährigen Jury des Studer/Ganz-Preises anzugehören, nein, eigentlich erst, nachdem ich die riesigen Pakete mit Manuskripten in den vierten Stock getragen und aufgerissen hatte, da hab ich mich gefragt, was ich mir eigentlich wünsche. Was für ein Manuskript ich finden möchte. Zur Auszeichnung welchen Manuskripts ich beitragen möchte. Und dann hatte ich einen Gedanken, der ähnlich pathetisch ist wie die Herz/Kopf-Formulierung. Ich habe mir gewünscht, dass unter den Manuskripten mindestens eines ist, das mich verändert zurücklässt.
Denn das ist es, was ich mir von Literatur wünsche, dass sie mich verändert, meinen Horizont erweitert, mich erschüttert, in meinen Grundfesten, in meinen Werten, Urteilen und Ansichten, dass sie mich verunsichert und mir Räume öffnet, dass sie mich mein blaues Wunder erleben lässt, dass sie mir den Kopf verdreht und mein Herz nicht links liegen lässt.
Und wenn ich an die wichtigen Bücher denke, in diesem Jahr, und überhaupt in meinem Leseleben, dann sind das solche Bücher. Und „immeer“ von Henriette Vásárhelyi ist so ein Buch.
Eva, die Protagonistin und Ich-Erzählerin aus „immeer“, diese Eva ist nicht die erste Frau, aber es ist die erste Frau, die ich kennen gelernt habe, die sich mit Fliegen unterhält, sie tötet und in Gläsern sammelt. Eva spricht mit den Fliegen, mit den Pinien, mit einem Zeisig. Aber der Text ist kein phantastischer, kein mystischer Roman.
Eva hat einen geliebten, einen sehr wichtigen Menschen verloren und darüber spricht sie mit sich, das erzählt sie sich und den Fliegen, anderen Menschen kann sie es nicht erzählen. Dieses innere Nachrufen, einem Verstorbenen nachrufen, ist wesentlich für das Buch, aber der Text ist weder Tagebuch noch Trauerprotokoll.
Eva lebt in Berlin, ist früher mit dem inzwischen verstorbenen Jan und dem gemeinsamen Mitbewohner Heiner durch die Clubs gezogen und hat jede Menge Zeug eingeworfen, für Heiner und Jan musste es unbedingt Berlin sein, aber „immeer“ ist kein so genannter Berlinroman und schon gar nicht ist es ein Szeneroman.
Mit Monn, der nach Jans Tod dessen Telefon und auch die Nummer übernommen hat, reist Eva nach Elba, mit Jan und auch mit Heiner war sie auf Hiddensee. In ihrer Berliner Wohnung, in der sie mit Jans Sachen mehr haust als lebt, Sachen, von denen sie sich einfach nicht trennen kann, in dieser Wohnung führt Eva ein Inseldasein, mit wenig Kontakt zum Festland, aber ein Inselroman ist „immeer“ nicht.
Eva ist mit Jan und Heiner in der damaligen DDR aufgewachsen, das klingt durch, wenn sie von Plasteschüsseln spricht oder sich daran erinnert, wie sie in der Kneipe von Jans Eltern Soljanka gegessen haben. Aber ganz sicher ist „immeer“ kein DDR-Roman.
Er ist auch keine Dreiecksgeschichte, auch wenn Eva in Dreiecksverhältnissen lebt, mit jeweils zwei Männern. In der Vergangenheit ist einer der Männer schwul, der andere handelt mit Drogen. In der Gegenwart ist einer tot, und der andere hat seine Telefonnummer. Einer ist immer Jan.
„immeer“ erfüllt damit noch einen weiteren Wunsch, den ich an Literatur habe, es passt in keine Schublade, es erfüllt auch kein Genre, kein Programm.Es ist Chronik eines angekündigten Todes, kurzer Text zum langen Abschied, es referiert auf unterschiedliche Topoi und Genre, zitiert Liedtexte und Gedichtzeilen, aber vor allem ist es ein mutiger, virtuos komponierter Text mit einem ganz eigenen Ton.
„immeer“ ist ein Buch vom Verschwinden, und wie viele gute literarische Texte, auch ein Kampf gegen das Verschwinden, das eigene und das der anderen.
Relativ zu Beginn des Romans heisst es in Evas innerer Erzählung:

Es gibt ein Foto von Jan, das zeigt ihn stehend auf einem Findling in der Ostsee. Seine Augen sind geschlossen, sein Kinn zur Brust geneigt. Um ihn herum Herbstwellen. Mit der rechten Hand macht er eine schnipsende Bewegung. Durch diese Bewegung ist die Hand auf der Fotografie verschwommen. So zeigt sie Jan, der zwischen den Welten wandelt. Ich erwarte beim Anblick der schnipsenden Hand, dass er von der Fotografie verschwindet. Immer habe ich Angst, er würde von der Fotografie verschwinden…

Das ist es nicht, was wir häufig erleben, dass ein Mensch von einem Foto verschwindet, auf Fotoabzügen verblassen Menschen oder nehmen eine andere Farbe an, wie das mit den digitalen Fotos sein wird, weiss ich nicht, da kann man Menschen verschwinden lassen, aber ich denke, sie werden es auch zukünftig nicht von selbst tun. Was aber schon passiert und weiter passieren wird: Dass sie nur noch Menschen auf Fotografien sind. Wie sind sie dann aber zu retten? Mit der Sprache vielleicht. Mit dieser dringlichen, beschwörenden, sich ihrer selbst vergewissernden, mit sich selbst ringenden, vom Verschwinden wissenden Sprache.
In dem Roman „immeer“ ist die Sprache eine weitere Protagonistin, und als Jan seine nicht mehr hat, verliert auch Evas Sprache den Sinn, das ist der Moment, als es keine Hoffnung mehr gibt:

Meine Sprache, die mich nicht verlässt, Worthorden balgen in meinem Kopf an seinem Bett. Ich schütte mich aus, bis Heiner mir den Mund verbietet, weil es Horden ohne Sinn sind, ohne Anlass, wie ein großes Brechen. Brechen mit seinem Zustand, brechen mit der Stille, mit seinem Schweigen, das uns trifft. Unerwartet löst sich seine Sprache von ihm ab, wendet sich von ihm ab. Wie eine Fremde tritt sie ins Dunkel.

In „immeer“ ist die Sprache mal poetisch, mal rotzig, oder beides zusammen, immer ist sie von einem betörenden Rhythmus, immer ist „immeer“ auch Klang, Nachklang, Gesang gegen die Sprachlosigkeit und gegen das Verschwinden.
„immeer“ ist der Titel, am Meer beginnt der Text und am Meer, im Meer endet er. Ich bin wenige Tage nach der Juryentscheidung ans Meer gefahren, hab an einem leeren italienischen Strand gesessen, und wie bei Monn galt „Aperitif ist Pflicht!“, ich war nur einen Tag und eine Nacht dort, aber ich hab wie Monn und Eva Sprizz getrunken, Oliven gegessen und aufs Meer geschaut. Und es ist mir das passiert, was sich Monn für Eva erhofft hat, dass eine Perspektivverschiebung eintritt, wenigstens für einen Moment. In der Zeit sein, im Augenblick, und trotzdem: Das grosse Bild.
Aber man muss dafür nicht ans Meer fahren, man kann auch einen Text lesen, diesen Text, der einen ans und ins Meer mitnimmt, es passiert auch beim Lesen von Henriette Vásárhelyis Text. Diese Erweiterung, Veränderung, von der ich am Anfang gesprochen hab, und die ich mir gewünscht habe. Die habe ich auch beim Lesen von „immeer“ erfahren.
Liebe Henriette Vásárhelyi, einen ganz herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Roman „immeer“ und dem hoch verdienten „Studer/Ganz-Preis“. Ich freue mich sehr, dass ich zu der Jury gehören durfte, die dazu beigetragen hat, dass „immeer“ 2013 im Dörlemann Verlag erscheinen wird, dass aus dem Manuskript ein Debütroman, ein Buch wird, so dass der Text noch viele andere Leserinnen und Leser durcheinander bringen, berühren und verändern kann.

Danke Ulrike Ulrich!






LE SUNG