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Drängende Fragen*

In der 13. Lieferung des Stilwörterbuches des Bibliographischen Instituts Leipzig von 1966, finde ich unter dem Stichwort Zweifel: das Bedenken, die innere Unsicherheit, die kritische Einstellung, das Schwanken, mangelnder Glaube und Skrupel. Diese Mischung ist ein guter Motor. Er muss laufen und gelegentlich zum Stillstand kommen. Ohne Zweifel bräche ich keinen Gedanken ab. Ich dächte nicht um. Ich schaute nicht zurück, versuchte nicht zu vergleichen und striche keinen einzigen Satz. Ich wäre so zufrieden, dass ich die glücklichste Arbeitslose, die glücklichste Antriebslose wäre. Ich machte immer alles richtig und auf mein Erscheinen verzichteten restlos alle gern.

Weil ich aber zweifle, habe ich oft Sätze geschrieben, um die herum der Text fehlt. Ich habe Ideen notiert, die ich unauffindbar zwischen anderen Aufzeichnungen lagere. Und ich habe tagelang vor dieser Vorlesung gesessen und gedacht: Ist ja schön, sich den Kopf zu zerbrechen, aber was, wenn ich nichts zu sagen habe? Wenn es genug ist - ich rede von Verhältnismäßigkeit - da ich über mein Schreiben nachdenke, aber da nichts ist, was hier noch keiner weiß, was ich noch laut aussprechen muss.

Warum ich schreibe? Ich bin froh, dass die Dinge erst einmal so sein müssen, damit man etwas damit machen kann. Ich schreibe also seit einigen Jahren. Ich schreibe plötzlich Sätze auf, die in einem Kontext stehen. Die sagen mir etwas und ich vertiefe und verbreitere ihre inhaltliche Aussage durch neue Fäden und auch gern durch eine erfundene Form - in grammatikalischer Hinsicht, die diesen ausgesprochenen und ausgeworfenen Inhalt verdeutlichen soll. Wie verhält sich welche Zeitform zu dem Inhalt? Erst einmal versuche ich aber herauszufinden, was ich mir sage. Dann überlege ich, ob ich das jemandem mitteilen möchte. Möchte ich mitteilen, dann versuche ich mir klar zu machen, was aus dem Text hervor geht und, was nur mir klar erscheint, weil ich die Verfasserin bin. Dass der Text meinetwegen klüger ist oder einfach auch Dinge ausdrückt, die mir nicht aufgefallen wären, versuche ich, so gut es geht, einzudämmen, mich zumindest mit den Möglichkeiten des Heraushörbaren vertraut zu machen.

Ich laufe also ins Tal und schaue die Berge an, laufe in die Berge und schaue in das Tal. Ich setzte mich in einen Hubschrauber und schaue auf Tal und Berge hinab. Ich fahre ans Meer und lasse es auf mich wirken. Ich spreche mit Vorbeikommenden und frage, was sie sehen. Meist schreibe ich Sätze auf, die einen Gedanken umsetzen, den ich gerade gedacht habe, auf den ich mich versteift habe und der mich zu Papier und Stift oder zum Computer getrieben hat. Ich habe eine Sammlung solcher angefangenen Texte, die ich eigentlich in den Papierkorb schmeißen sollte. Sie sind meist schon älter und ich glaube nicht daran, dass ich jemals ernsthaft versuchen würde, sie zu Ende zu bringen. Aber da ich nicht ganz sicher bin, hebe ich sie lieber auf. Wenn ich jetzt schreibe, bringe ich den Text zu Ende. Nur handschriftlichen Aufzeichnungen gebe ich mehrere Chancen. Einmal eine Datei angefangen und nach zwei Sätzen ins Stocken gekommen: Dann speichere ich sie nicht mehr ab. Ich beende Word und fahre den Computer herunter. Vielleicht geht es später besser. Vielleicht habe ich in letzter Zeit aber auch nur Sachen geschrieben, die eine Notwendigkeit schon mit brachten und ich für das zu Erzählende nicht erst eine Berechtigung erfinden musste.

Gibt es ein Ziel, dass ich erreichen will? Einen Bestimmungsort oder einen Endpunkt? Jemand der ein festes Ziel hat, ist Reisender oder ist Sportler. Also, was peile ich an? Sicher bin ich keine Sportlerin. Wenn ich also nun so reise, will ich dann lieber Weltenbummlerin sein oder Pauschaltouristin? Worauf richtet sich mein Blick? Habe ich überhaupt ein Gefühl für Richtungen oder Entfernungen? Das Leben wird ja immer als Reise bezeichnet, vielleicht sind meine Texte Bahnhöfe, die ich erschaffe, als Momente des Stillstands und des Innehaltens. Nun beginne ich zu zitieren, aber nicht aus einem Sachtext, nicht aus einem Erwachsenenroman, nein aus einem Kinderbuch und es fällt mir nicht leicht, aber dieses Zitat ist einfach zu gut zu verstehen:

Beppo Straßenkehrer spricht mit Momo:
"Siehst du, Momo", sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man." Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: "Und dann fangt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen." Er dachte einige Zeit nach.
Dann sprach er weiter: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein."

Witold Gombrowicz - ein polnischer Schriftsteller - hat in einem Interview auf die Frage, was er denn nun jungen Autoren mit auf den Weg geben würde, gesagt: "Der Mensch bringt sich zum Ausdruck, mit allen Mitteln, er tanz! oder singt, er malt oder schreibt. Wichtig ist, dass man jemand ist, damit man zum Ausdruck bringen kann, was man ist, nicht wahr."

Und auch Zadie Smith, eine englische Schriftstellerin, hält in ihrem Aufsatz "Besser Scheitern", in den Überlegungen, was einen guten Schriftsteller ausmacht, fest, dass wir in den meisten Bereichen des menschlichen Tuns, eine Verbindungzwischen Persönlichkeit und Fähigkeit zögen. Es gibt eine Verbindung zwischen dem, was ich bin und dem, was ich sage oder schreibe.
Biografie konstituiert Identität. Biografie ist zu großen Teilen allen gleich und zu unwesentlichen, aber wohl entscheidenden unterschiedlich. Identität als etwas, was nur mir anhaftet, wenn ich abgleiche, was identisch ist mit den vielen anderen gegenüber. Einzig entscheidend für eine Identität ist erst einmal nur, dass jemand von einer Existenz weiß: wenigstens ich.

Ich glaube nicht, dass ich jemals, auf die bohrende und viel zu häufig gestellte Frage: Warum schreibst du? - eine mich befriedigende Antwort haben werde. Ich weiß, dass ich das nicht will.
Die Frage ist einfach. Die Antwort auch: Weil ich es tue.
Es ist eine Frage, die bei mir keinen Suchmechanismus in Gang setzt, einzig und allein kann ich sagen, dass mir meine Antwort für einen Autoren ein wenig zu schmucklos erscheint. Aber auch wenn ich diese Frage im Einzelnen nicht beantworten mag oder mir die Antwort zu einfach erscheint, kann ich nicht leugnen, dass sie einen Kosmos auftut, der mich und meine entstandenen und noch entstehenden Texte peinlich genau hinterfragt. Vielleicht möchte ich deshalb nicht gefragt werde, weil ich möchte, dass der Text im Vordergrund steht und vielleicht sogar, dass er mir Dinge anheftet, die ich gerne hätte oder wäre, aber die ich sicher nicht bin. Als würde ich fremde Federn beschreiben, mit denen der Leser mich später schmückte.

Aber die Frage, warum eine Erinnerung sich an einem unvorhersehbaren Tag plötzlich aufreizender zeigt, als wäre sie eine Karteikarte, die rot markiert auf meine greifende Hand wartet - diese Frage, dieser Mechanismus interessiert mich schon:
Eben lege ich den Hörer auf, habe mit meinem Vater telefoniert. Da klingelt es wieder. Ich sehe auf das Display: wieder mein Vater. Ich nehme ab. Er sagt: Milan ist tot. Ich mache: mhm. Es ist aus diesem mhm nicht zu erkennen, ob ich weiß, von wem er spricht oder nicht. Also beginnt mein Vater zu erklären und ich bin während seines zweiten Satzes schon wieder ganz Ohr.

In den Bruchteilen von Sekunden zwischen meinem mhm und seinem zweiten Erklärungssatz ist folgendes passiert: Als mein Vater Milan ausspricht, wird in mir etwas losgetreten: Ich höre im inneren Ohr (im beseelten, nicht im organischen) den Namen: Milan Opočenský. Ich sehe einen Mann im schwarzen Anzug. Er ist klein, etwas kräftig. Ein typischer kurzer, älterer Herr. Er läuft über eine wenig befahrene Straße von der sonnigen Seite auf den schattigen Bürgersteig gegenüber. Er trägt Aktentasche und Hut. Jemand ruft: Milan! Ich höre das Rufen und sehe den Mann, den ich für Milan halte. Ich sehe ihn. Ich bin in Prag. Es ist Sommer 1986.

Die Erinnerung ist zu Ende. Eine sehr kurze Frequenz erinnertes Leben, aufgehängt an dem Namen Milan. Sie hat Platz innerhalb eines Satzes meines Vaters, der nicht lang war. Sie geht immer an, wenn jemand Milan Opočenský sagt. Immer genauso und immer gleich wieder unauffindbar.

Das Gefühl, was sie auszeichnet - kann ich nicht benennen, aber ich habe jetzt in Wilhelm Genazinos erster Vorlesung "Die Belebung der toten Winkel" folgende Beschreibung für meine gesteigerte Wahrnehmung solcher Momente gefunden:
"Was die Dinge sagen und was sie nicht sagen, ist in den schnellen Fliehmomenten ihres Auftretens nicht klar zu entscheiden; die Unentscheidbarkeit bringt uns selbst zum Sprechen."

Ich kann von hier aus sagen, dass diese Erinnerung mir immer sehr gut gefallen hat, aber ich nie auf die Idee gekommen bin, meinen Vater oder meine Mutter nach Milan zu befragen. Ich meine, er ist ein Fremder in meinem Kopf gewesen, den ich mochte. Aber, ob dieser auch wirklich der Milan Opočenský war, von dem meine Eltern sprachen, wusste ich nicht, weil ich mich sonst gar nicht an ihn erinnere. Ob das Rufen und die Bilder zusammengehörten konnte ich auch nicht sagen - es ging ja immer so schnell. Und das Gefühl in diesen Fliehmomenten habe ich auch nie verstanden. Ich kann bis heute nicht sagen, ob ich an diesem Tag im Sommer 1986 beseelt war von irgendeinem Glück oder, ob aus irgendeinem Grund die Erinnerung mir im jeweiligen Jetzt dieser Erinnerungstradition ein Gefühl von tiefstem Wohlsein gemischt mit einer guten Portion Fernweh gaben.

An diesem Tag habe ich die schöne, romantische Milan-Erinnerungstradition aufgeben. Ich googelte und fand eine Anzeige mit seinem Namen und ein Foto mit jenem Mann im Anzug, mit jener schiefen Kopfhaltung, genau diesen Mann, den ich schon kannte. Ich überlegte mir, die Erinnerung sei eine Art autobiografischer Zustand, der die eigene Lebensgeschichte in Bruchstücken noch einmal erlebbar mache, mit allen Fälschungen.

Und die Erinnerung, das Bewusst-Machen von gelebter Zeit in bestimmten Zusammenhängen sei identitätsstiftend - mehr noch: der Beweis für meine Existenz und meine Identität. Für manche ist es ja egal, für mich ist es einfach ein Stück Sicherheitsbedürfnis zu sehen, wo ich anfange und wo ich aufhöre, auch wenn das eine ständige Suchnotwendigkeit nach sich zieht. Für mich ist es doch eine der wenigen Möglichkeiten, Sicherheit und Freiheit; Grenzen und Bewegung sich gegenüberzustellen, dass sie sich bedingen und ich sie immer wieder austariere muss mit jedem Schritt vom Ergreifen, Erfassen, Verändern, Verkleiden, Neuerfinden bis zum Entstehen eines Textes. Noch einmal zitiere ich Zadie Smith:
"Die Persönlichkeit eines Schriftstellers ist seine Art, sich zur Welt zu verhalten, sein Stil der notwendige Ausdruck dessen. [. . .] Stil ist eine persönliche Notwendigkeit, der einzig mögliche Ausdruck eines individuellen Bewusstseins."
Es gibt zwei Gründe, warum ich mich an Begebenheiten erinnere: Entweder die Umstände, Mitspieler und die Gesamtwirkung eines Lebensmoments oder dessen Ergebnis waren auf unterschiedlichste Arten irritierend oder die Umstände, Mitspieler und die Gesamtwirkung eines Lebensmoments oder dessen Ergebnis waren besonders schön - nahezu vollkommen.

Wenn ich schreibe existieren für mich zwei Seiten beim Umsetzen und Erfassen von Erinnerung. Einmal für mich und einmal als Autorin im Decodieren und Festhalten für Leser. Ich durchwandere die ergriffene Erinnerung - die Motiv oder gar Zentrum eines Textes werden soll - ich taste sie ab, nachdem ich bewusst nach ihr gegriffen habe. Nun versuche ich sie wenigstens stückweise zu reproduzieren und sie bewusst immer wieder heraufzubeschwören, was nicht besonders sinnlich ist und nie so gut, wie eine echte - eine spontane - Erinnerung. Nennen wir es schon: Arbeit, Erfassen oder einen Stoff ableiten.
Nachdem ich sie also entblättert habe, kleide ich sie neu ein, indem ich ihr beispielsweise eine Folie modernster End20er Reflexionsmöglichkeiten verpasse - die dann im besten Falle wirklich einem Offsetdruckverfahren gleicht. Ich reproduziere die Abbildungen, belichte den Film, montieren die Vier-Farb-Folien sauber übereinander, sodass schon in der Plattenkopie ein vollständiges und neues Bild entsteht und gebe es seitenverkehrt - Distanz schaffen - in die Druckmaschine, die einen Text auswirft, der etwas mit mir zu tun hat, der etwas aus meinem Leben zeigt, aber nicht mich in meinem Leben zeigt und nicht den Stellenwert dieser Erinnerung für mich persönlich darstellt.

Dennoch glaube ich, dass sich diese Dinge immer wieder wandeln. Der letzte Text, den ich geschrieben habe und der mir wichtig war, hat alles beinhaltet, wovon ich berichte und gar nichts davon. Wenn ich meine Aufzeichnungen dazu ansehe, bin verblüfft, dass sie fast unverändert die erste und jede weitere Kontrollinstanz überstanden haben, die das Geschriebene bei der Eingabe in den Computer durchläuft.

Ich glaube, so wie es in der Kriminalistik einen dringenden Tatverdacht gibt, so gibt es beim sich zum Ausdruck bringen auch Inhalte, die sich durch ihre aufdrängende Notwendigkeit überraschend verschiedenster Mittel recht souverän bedienen. So wie Teekessel pfeifen können, wenn das Wasser heiß ist, obwohl sie keinen Mund haben - um es mal unphysikalisch zu betrachten. Mit diesen Inhalten meine ich also Dinge, die einer sagen muss, weil er sonst platzt und die sich schon fast von allein den Weg aufs Papier bahnen. Eine inhaltliche Notwendigkeit, die keine angelesene Poetik braucht, die Form durch Inhalt und Inhalt durch Form mitbringt und nach Umsetzung verlangt.
Auf die Art zu schreiben, mit der ich die vergangenen drei Jahre in Rostock ernsthaft glücklich war, gelingt mir nun nicht mehr. Ich habe meinen Schreibtisch verlassen - meine vertraute Schreibsituation - den Ort an dem ich lebte. Ich bin hier gelandet und die scheinbare Organisation meines Lebens, die ich sonst - da die Phasen kürzer und überschaubarer waren - als kraftbringend empfand - nämlich Monate des Erlebens und Monate des Verarbeitens - die tatsächlich voneinander getrennt schienen - [meist in Sommer und Winter] haben sich nun ausgeweitet und das Erleben hört nicht auf, die Ablenkung erscheint mir unerträglich stark und Schreibsituationen sind für mich romantische Erinnerung.

Wie ich schreibe? Ich suche einen Stoff, der geeignet ist sich aufrappeln zu lassen. Oder einen, der sich einpasst in alte Stoffe und einnähen lässt mit neuem und ungenutztem Faden. Im Moment kann ich nur Bilder für mein Schreiben finden und mir nur selbst eine Vorstellung davon machen. Wenn ich schreibe, schreibe ich. Da kommt eines Tages eine Milan-Erinnerung oder ein Satz auf mich zu und ich halte sie oder ihn fest und presse den Saft aus, ich gebe den Rest der Erinnerungs- oder Zitate-Frucht in das Spülwasser, damit meine Hände beim großen Abwasch nicht so schrumplig werden. Ich weiß also weder wie, noch warum ich schreibe. Ich weiß, ich habe bis vor kurzem geschrieben, aber langsam nervt es mich, weil ich ständig darüber spreche soll und ich zum schreiben gar nicht komme, so presse ich mich aus mit diesen Fragen, deren Antworten mir ehrlich gesagt beliebig erscheinen, mehr als eine andere Art des Schreibens selbst, etwas kontinuierlich und gut recherchiert zurecht zu lügen. Etwas zu komponieren, was dann für mich steht, während ich unter der Decke bleibe.

So kommt es mir doch oft vor, als wäre ich nur fähig, schreibend Ordnung zu schaffen und dadurch meine Identität zu begründen - die sich eben wandelt - aber als eine Art Regelwerk durch das mir die Außenwelt - die tatsächliche Welt - gedämpfter und dadurch angenehmer wahrzunehmen scheint - ja mir vielleicht die Wahrnehmung erleichtert. Wenn ich irre, dann reise ich noch immer, aber ohne Rast und Ruh, ich halte nicht inne, habe kein Ziel und damit keine Vorstellung von dem, wonach ich greifen will. Manchmal sind selbst dann Antworten zu finden. Manchmal erhält man mehr Antworten über Umwege. Auch habe ich mir am Anfang meines Lebens, das was ich mag, über das Probieren vom Fremden vertraut gemacht und mir damit ein Netz aus Verständnis und Wiedererkennung geschaffen, dass ursprünglich nur von gut und böse, von schmeckt mir, schmeckt mir nicht, ausging. Wenn sich so ein Netz verdichtet, braucht es mehr als zwei Entscheidungsmöglichkeiten.

Die Differenzierung kann zum Beispiel mit Überlegungen von Sinn – vom Wesen oder Kern einer Sache bestimmt sein oder vom Wert einer Aussage im Verhältnis zu anderen Aspekten. Ich glaube eines meiner Hauptanliegen ist es, erlebte Irritationen aufzudecken. Wenn also eine Begebenheit voranschritt, die sich gegen eine mir gegenüber ausgesprochene oder von mir wahrgenommene Ethik verhielt, dann versuche ich heute beim Schreiben eines Textes diesen Widerspruch durch den Fehlgriff einiger Wörter im Textergebnis sichtbar zu machen. Manchmal bin ich dabei dann, wie meine Mutter gerne sagt: mit dem Klammerbeutel gepudert oder ich muss mit dem Resultat leben: Nicht jeder, der aus dem Rahmen fällt, war vorher im Bilde.

Aus Angst, ich könnte nicht jede Ecke meines weltmännischen Verstandes beleuchten und Fremdes vollständig ausleuchten - soll ich also am besten lesen - vor allen Dingen die wichtigen Autoren - und dann, wenn ich Zeit zum Schreiben aufbringe, will ich alles vergessen - weil ich natürlich nichts kopieren will, sondern neu in Zusammenhänge bringen muss. Ich muss leben, und zwar alles auf einmal erleben und dabei scharfsinnig differenzieren. Ich sollte schon wissen, wie das Leben eben so läuft, wenn ich schon darüber schreiben will. Da kann man schnell ins Hasten kommen. Also ich reise als jemand zwischen Baum und Borke. Ich peile ab und an ein Ziel an, das in einem überschaubaren Zeitraum zu erreichen sein muss. Wenn ich in exotische Gefilde abdrifte, suche ich das Bekannte und widme mich langsam dem Fremden. Ich schleiche nirgendwo herum, eher taste ich mich gelegentlich im Dunkeln voran. Wenn ich vom Weg abkomme, nenne ich es Umweg und behaupte durch ihn auch zum Ziel zu kommen. Ich reise und reise und sollte ich doch aufhören meine Unternehmungen zu definieren, kommt das Ende ja doch von allein auf mich zu.
Ein Ziel kann ich doch - einfach und unschön ausdrücken: Einmal möchte ich so schreiben, dass meine Texte so gern gelesen werde, wie ich sie schreibe. Diese Zielsetzung bedeutet, dass ich mir eine gewisse und schwer einzuschätzende Beharrlichkeit aneignen muss. Von der Fähigkeit aufzuhören, wenn es tatsächlich keinen Sinn macht, sich um Veröffentlichungen zu bemühen, mal ganz abgesehen.

Anmerkung:
* leicht korrigierte Fassung 2021, der poetologische Essay entstand als Semersterarbeit am DLL 2007 unter dem Namen Henriette Langer

Quellen:
Ende, Michael. (1990). Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman (dtv, Bd. 10958, Ungekürzte Ausg., 5. Aufl.). München: Dt. Taschenbuch-Verl.
Genazino, Wilhelm. (2006). Die Belebung der toten Winkel. Frankfurter Poetikvorlesungen. München, Wien: Hanser.
O.A. Biografische Stationen von Milan Opočenský. Verfügbar unter: http://www.etf.cuni.cz/sbornik-75-let/opocensk.html
Smith Zadie. Besser scheitern. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Aktualisiert am 28.01.2007 (Essay). Verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/essay-zadie-smith-besser-scheitern-1410937-p7.html
Stilwörterbuch. In 13 Heften. (1964-1966) (13 Bände). Leipzig.